Kurzportrait
Den Studienabschluss als Dipl.-Sozialpädagoge habe ich in den 70er Jahren an der Fachhochschule gemacht, danach wählte ich die stationäre Jugendhilfe als Tätigkeitsbereich, in dem ich schon vor dem Studium erste praktische Erfahrungen gemacht hatte. Schon bald erschien mir die Arbeit dort sehr anstrengend, verschiedenen BerufskollegInnen ging es ähnlich, was wir uns zunächst nicht erklären konnten. In den nächsten Jahren sahen wir immer mehr die Erfordernis, unsere bisher praktizierte „mechanische Arbeitsweise“ (nach dem Motto; „Mehr hilft mehr“ oder: Wenn du es so machst wie ich es sage, geht es dir gut“) zu überschreiten.
In den 80er Jahre lernte ich am damals in Deutschland führenden „Institut für Familientherapie“ in Weinheim erstmals systemische Sichtweisen kennen, nach denen es Auffälligkeiten auf der Handlungsebene bei Kindern und Jugendlichen nicht mehr nur „abzutrainieren“ galt, sondern die diese als bedingt u.a. durch Beziehungskonstrukte in Familien und damit zur Persönlichkeit gehörend beschrieben.
In dieser Zeit begannen wir in unserer Einrichtung im Rheinland mit der Einführung einer systemischen Eltern- und Familienarbeit, die wir laufend entwickelten und die eine qualitative Beschreibung der Arbeit in der Einrichtung über viele Jahre ermöglichte.
Selbst erlaubte mir die Ausrichtung unserer Arbeit immer mehr die Vermeidung von Überforderung, da es möglich wurde, Verantwortung zu relativieren (nicht: abzugeben !) und Handlungsweisen als bedingte Handlungen zu verstehen. Schließlich wurde es uns möglich „die Hinwendung zur Familie (der bei uns untergebrachten Kinder, M.H.) als dem Ort in der Welt an dem sich Identität im Entwurfshandeln konstruiert“ (Hildenbrand in „Familiendynamik“ 2/11) zu vollziehen.
Für die eigene Arbeitsleistung bedeutete das konkret:
Es ergaben sich eine neue Wertschätzung gegenüber der Herkunftsfamilie und neue Erklärungsmodelle für Besonderheiten „unkonventioneller Familien“ aufgrund ihrer Strukturbedingungen (das sind solche Familien, die sich durch die Abwesenheit einer zentralen Person, z.B. des Vaters, ausweisen, vgl. Funcke/Hildenbrand: „Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie, Heidelberg 2009).
Damit sahen wir auch die Relativierung der eigenen Rolle im Prozess der sog. Fremderziehung deutlicher. Dies verminderte deutlich den „Druck“, aufgrund von „Misserfolgen“ im Erziehungsprozess.
Es fiel dann auf, dass noch ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer relevanten Beschreibung von Persönlichkeit erforderlich war: Der Blick auf die Substanz der „dritten Generation“, also die Oma(s) und die Opa(s) der Kinder, mit denen wir zu arbeiten hatten. Dieses lernte ich Ende der 80er Jahre bei Helmut Johnson (u.a.) in der von ihm geleiteten Ausbildung in Familientherapie und –beratung in Siegen kennen. Wenn möglich, so stellte sich heraus, ist es sinnvoll, auch noch die vierte Generation mit ihrer Lebensweise in Betracht zu ziehen.
Später schloss sich daran noch eine mehrjährige Fortbildung in Supervision an (Siegen und Wittlich).
Ich benutze in meiner Arbeit häufig Genogramme, mit deren Hilfe sich sozusagen das größere Bild erkennen lässt und zwar sowohl im Hinblick auf gegenwärtige Fragen bzw. Symptome als auch im historischen Sinn.
Zentral für meine systemische Arbeitsweise ist damit die Sicht, dass Personen nicht „vom Himmel gefallen“ sind, sondern aufgrund ihrer Familiengeschichte individuelle Grundlagen zur Verfügung haben, auf denen sie eigene Schritte machen, d.h., sich mit den Anforderungen in ihrer Zeit auseinander setzen.
Oder – wie es Rosmarie Welter-Enderlin einmal ausdrückte: Menschen machen persönliche Vorgaben aus ihrer Geschichte und ihrer Zeit zu persönlichen Aufgaben ihrer Zukunft. (nach: „Wie aus Familiengeschichten Zukunft entsteht“, Freiburg 1999)
